Früher hat man geistig behinderten Menschen nichts zugetraut, nicht einmal die Möglichkeit eine psychische Krankheit zu haben. Die geistige Behinderung selbst ist ja keine eigentliche Krankheit im engeren Sinn. Ein geistig behinderter Mensch hatte wohl einmal einen Unfall oder eine Krankheit gehabt, welche zu der Behinderung geführt hat, später ist er dann zwar Behindert aber nicht mehr akut krank. So wie jemand, der ein Bein bei einem Unfall verloren hat, dennoch ein gesunden Mensch sein kann - halt ein gesunder behinderter Mensch.
Wenn jetzt ein behinderter Mesch eine psychische Erkrankung, so wurde dies ursprünglich auf die Behinderung geschoben und als Pfopfpsychose abgetan. Diese "Diagnose" hat dazu geführt das die akute Erkrankung als typischer Teil der dauerhaft bestehenden Behinderung gewertet wurde und deshalb auch nicht besonders interessiert behandelt wurde. Meistens gab man einfach ein nebenwirkungsreiches sedierendes Medikament, wie z.B.: Cisordinol, Haldol, Leponex, Nozinan, Truxal.
Das war früher so, wie ist es heute?
Nicht besser. Heute werden geistig behinderte Menschen in leicht, mittel, schwer und schwerst eingeteilt und dann weiter in mit oder ohne Verhaltensauffälligkeiten. Und genau diese Einteilung verführt zu Fehlern in der Therapie! Warum? Weil sie dazu führt einen Patienten mit einer geistigen Behinderung nicht einfach nur als normalen Patienten zu sehen.
Wenn ein Patient plötzlich eine andere Stimmung hat, gereizt ist, schreien möchte, wird der behandelnde Arzt vielleicht eine Depression erkennen und behandeln. Nach wenigen Wochen wird es dem Patienten gut gehen.
Wenn der Patient aber geistig behindert ist, und plötzlich eine Phase hat, in der er gereizt ist und vielleicht sich selbst oder andere schlägt, wird man oft nur die Diagnose "schwere Geistige Behinderung mit Verhaltensauffälligkeiten" stellen, als ob der Patient schon immer so war, und das mit der Behinderung zu tun hat. Der Patienten wird dann vielleicht mit einem sedierenden Medikament ruihig gestellt. Nachdem das aber nicht die Ursache der Verstimmung, zum Beispiel eine Depression heilt, wird das Symptom weiter bestehen, es wird nur gedämpft werden. Nachdem die meisten Beruhigungsmittel auch noch Depressionen auslösen, treiben wir hier manchmal den Teufel mit dem Beelzebub aus.
Aus diesem Grund bin ich gegen die Diagnosemischung Behinderung und akute Symptomatik. Behinderte haben auch das Recht auf eine saubere Diagnostik! Ich muss aber zugeben, dass dies sehr schwierig sein kann, bei geistig Behinderten die richtige aktuelle Diagnose zu finden. All die Diagnosen, welche wir kennen, sind nicht für geistig behinderte Menschen beschrieben. Wenn jemand nicht sprechen kann, kann ich auch keinen typischen Fragebogen anwenden. Aber mit etwas Phantasie kann man schon die Ursache erkennen, warum jemand sich plötzlich anders verhält, und dann habe ich auch die Chance dem Patienten zu helfen.


